Tageszeitung junge Welt / Berlin

Gegründet 1947 – Do., 3. November 2016, Nr. 257

Ausgabe vom 03.11.2016, Seite 7 / Ausland

 

In Südkorea wird mittlerweile lautstark die Amtsenthebung von

Präsidentin Park Geun Hye gefordert

Von Rainer Werning

Protest gegen präsidiale Seilschaften: Demonstranten mit Masken von Staatschefin Park Geun Hye (rechts) und ihrer Vertrauten Choi Soon Sil (links) in Seoul (27.10.2016)

Foto: Kim Hong-Ji/Reuters

http://www.jungewelt.de/2016/11-03/034.php?sstr=s%C3%BCdkorea

Zehntausende Südkoreaner trotzen seit Tagen bitterer Kälte und fordern auf Massenkundgebungen in der Metropole Seoul immer vehementer den Rücktritt der 64jährigen Präsidentin Park Geun Hye. Grund dafür sind ein millionenschwerer Korruptionsskandal um ihre engste Freundin Choi Soon Sil und der Vorschlag, die Verfassung zu ändern, um Präsidenten künftig eine zweite Amtszeit zu erlauben.

Choi wird vorgeworfen, durch ihre zwei Sportstiftungen im Laufe von wenigen Monaten umgerechnet etwa 62 Millionen Euro an Spenden von 52 Großunternehmen kassiert zu haben. Vermutet wird, dass diese Gelder der

»Altersvorsorge« der Präsidentin gelten. Darüber hinaus geriet die

Präsidentin selbst ins Kreuzfeuer der Kritik, weil sie Choi in Staatsgeheimnisse eingeweiht und sie bevorzugt als Redenschreiberin engagiert hatte. Kommentatoren südkoreanischer Zeitungen sprechen bereits von einem »Choi-Soon-Sil-Gate«, von »Koreas Rasputin« und »okkulten und schamanistischen Machenschaften« im Blauen Haus, dem Amtssitz der Präsidentin. Denn auch Chois Vater, Choi Tae Min, der sich zeit seines Lebens selbst als »künftiger Buddha« gesehen und die Sekte »Church of Eternal Life« aus der Taufe gehoben hatte, stand nicht nur Frau Park mit Rat und Tat zur Seite. Er war auch der engste politische und spirituelle Vertraute von Parks Vater, dem Militärmachthaber Park Chung Hee. Dieser putschte sich 1961 ins Präsidentenamt und regierte das Land bis Oktober 1979 – als er von seinem eigenen Geheimdienstchef ermordet wurde – diktatorisch.

 

Die Präsidentin wird, wenn überhaupt, ihre reguläre Amtszeit bis zum Februar 2018 nur mit arg ramponiertem Image fristen. Der Ruf nach ihrer Amtsenthebung war nie so laut wie in diesen Tagen. Dabei hatte sie für

Aufsehen gesorgt, als sie in der Geschichte der von Männern und langjährig von Militärs dominierten Republik Korea (Südkorea) am 25. Februar 2013 als erste Frau ins Blaue Haus eingezogen war. Sie versprach eine Abkehr von der rigorosen neoliberalen Wirtschaftspolitik ihres Vorgängers Lee Myung Bak, verstärkte Hilfen für die Armen und Marginalisierten, »eine neue Ära für unser Land« und einen wiederbelebten Dialog mit dem Norden, der Demokratischen Volksrepublik Korea.

 

Allesamt hehre Pläne, die Park Geun Hye im Laufe ihrer Amtszeit just ins

Gegenteil verkehrte. Einen stetig repressiveren Kurs im Innern gegen alles (vermeintlich) Oppositionelle kombinierte sie mit strammem Antikommunismus. Das diene der »inneren Stabilität« und schütze vor dem

»großen Bedrohungspotential« aus dem Norden. Nun aber ist die Präsidentin selbst zur größten Bedrohung eines stabilen Südkorea geworden. #

Junge Welt – Rainer Werning – Im Sinkflug