„ … ein Schatz für alle, die sich professionell oder ehrenamtlich intensiver mit der Situation der Philippinen beschäftigen.“ – Eine Rezension von Wilfried Neusel
Rainer Werning/Jörg Schwieger (Hg.): Von Marcos zu Marcos – Die Philippinen seit 1965. Wien 2025: ProMedia Verlag, 264 Seiten, 24 €
Zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse waren die Philippinen als Ehrengast mit reichhaltigem und abwechslungsreichem kulturellen Programm eingeladen. Das Motto: „Fantasie beseelt die Luft.“ Die engen Verbindungen zwischen philippinischer Literatur, Kultur und Geschichte sollten einem internationalen Publikum die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit den vielfältigen Überlieferungen des Landes bieten.
Aber kein Buch wie das von Rainer Werning und Jörg Schwieger herausgegebene war dort zu finden. Die Herausgeber und gleichzeitig auch Autoren haben eindringlich und journalistisch brillant die komplexe jüngere und aktuelle historische, sozio-ökonomische, gesellschaftliche, ökologische und mentale Situation und Dynamik des weltweit drittgrößten Inselstaates der Welt porträtiert. Für beide Herausgeber ist die Veröffentlichung auch ein Vermächtnis. Sie sind den zahlreichen Ko-Autorinnen und -autoren seit Jahrzehnten beruflich und persönlich verbunden. Und der Blick auf die Philippinen ist geprägt von intimer Kenntnis, woraus eine durchgehend herrschaftskritische Analyse resultiert. Die Beiträge der in den Philippinen und im Exil lebenden Ko-Autorinnen und -autoren sind geprägt von leidvollen Erfahrungen und Einsichten und von leidenschaftlichem emanzipatorischen zivilgesellschaftlichen Engagement.
Der grundlegende Tenor ist, dass die Bevölkerung an einem toxischen Amalgam aus klientelistischen Netzwerken, schwachen politischen Institutionen und neo-liberaler Fortschrittspropaganda leidet. Der weit überwiegende Teil der Bevölkerung leidet unter Armut, Klimakatastrophen, Bildungsmisere, Ausbeutung durch internationale Konzerne mit gravierenden Folgen für die Natur und die Arbeitsbedingungen, unter einer miserablen medizinischen Versorgung und der Ausbeutung der im Ausland tätigen Seeleute und der zumeist weiblichen Dienstleistungsbeschäftigten. Wer gewerkschaftlich, juristisch, journalistisch, kirchlich oder in NGOs für die Wahrung der Menschenrechte und für Treue zur phantastisch guten Staatsverfassung von 1987 eintritt, lebt gefährlich. Die „Kultur der Straflosigkeit“ von Staatsorganen, ein unbeschreiblich dichtes Netz von Korruptionsstrukturen und neuerlich auch eine verstärkt US-hörige Militarisierung zur Abwehr chinesischer See-Gebietsansprüche bzw. Annexion Taiwans lähmen die Bevölkerung und machen demokratischen Widerstand zum Wagnis für alle, die für politische Transparenz, Rechenschaftspflicht und Verfassungstreue eintreten. Zudem fördert der bemerkenswert ausführliche Gebrauch der so genannten „Social Media“ politisch reaktionäre Beeinflussung und konsumorientiertes Entertainment.
Andererseits ist in den Beiträgen des Buchs der Schatz nationaler wie internationaler Expertise in Bündnissen für die Erlangung rechtsstaatlicher und verfassungstreuer Bedingungen in allen gesellschaftlichen Bereichen zu finden. Durchgehend wird die Krise der kapitalistischen Verwertungsstrategien und deren politische und gesellschaftliche Folgen thematisiert. Bezüglich der nach wie vor starken kirchlichen Prägung der philippinischen Gesellschaft wären Beiträge dazu hilfreich gewesen.
Aber insgesamt ist dieser Sammelband für alle, die sich für die Menschen der Philippinen interessieren oder mit ihnen verbunden sind, von unschätzbarem Wert. Sie ermutigen nicht zuletzt zum kritischen Blick auf die bundesrepublikanische Situation und ihre Außenpolitik. Die Beiträge sind detailreich, aber nicht ermüdend lang. Die Lektüre regt wie bei einem interessanten Puzzle zur Vervollständigung eines facettenreichen Bildes an. Für Eilige gibt es Überblicksartikel und statistische Zusammenfassungen. Und die ausführlichen Hinweise auf weiterführende Literatur, Links und nützliche Adressen sind ein Schatz für alle, die sich professionell oder ehrenamtlich intensiver mit der Situation der Philippinen beschäftigen. Und angesichts der enormen in dieses Buch investierten Arbeit ist es sehr preiswert.
Wilfried Neusel * Koordinator der Philippinen-Partnerschaft
des Kirchenkreises Koblenz in der Evangelischen Kirche im Rheinland

