Kategorie: Sonstige
Junge Welt – Rainer Werning – Aktivist der APO
Tageszeitung junge Welt / Berlin
Gegründet 1947 – Montag, 29. Januar 2018, Nr. 24
Ausgabe vom 29.01.2018, Seite 15 / Politisches Buch
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Aktivist der APO
Kriegsgegner, Revolutionshistoriker, Berufsschulpfarrer:
Klaus Schmidt hat seine politische Biographie vorgelegt
Von Rainer Werning
Politische Aufbruchstimmung: Demo für Freilassung von Bundeswehrdeserteuren in Westberlin (um 1968) — Foto: Beyerw , CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Klaus Schmidt: Dran bleiben – Zuversichtliche Rückblicke eines »Alt-68ers«. Mit einem Nachwort von Günter Wallraff. LIT Verlag, Berlin 2018. 250 S., 19,90 Euro.
Die »68er-Bewegung« war ein weltweites Phänomen. Sie erfasste Großstädte in den USA sowie in Ost- und Westeuropa ebenso wie im damals sogenannten Trikont (Asien, Afrika, Lateinamerika).
Überwölbt wurden die weltweiten Proteste jedoch von dem außenpolitischen Thema schlechthin – der US-amerikanischen Aggression gegen das, was die Franzosen »Indochina« genannt hatten und womit Vietnam, Kambodscha und Laos gemeint waren.
Rainer Werning – IZW3W – „Kommt herunter vom Balkon!“ Beobachtungen aus der 68er-Bewegung in der BRD und in Südostasien
https://dp-freunde.de/comm/wp-content/uploads/2017/12/Werning-iz3w-364-kurz.pdf
West-östliche Aperçus über die 68er-Bewegung in der BRD und in Südostasien
Es war nicht allein der Vietnamkrieg, der die Protestbewegungen von 1968 entfachte. Doch spielte er eine wichtige Rolle für die Politisierung junger Menschen, in Westdeutschland ebenso wie in den Philippinen. Unser Autor berichtet als teilnehmender Beobachter von den Aktivitäten, Ansätzen und Problemen der damaligen AktivistInnen.
Von Rainer Werning
»1968« ist ein halbes Jahrhundert später zur ebenso großen wie vagen Chiffre geworden. Die Feuilletons der Leitmedien werden sich bald erneut des Themas annehmen, um es – je nach Perspektive – mit Verve in Grund und Boden zu verdammen oder es homöopathisch dosiert zu deodorisieren.
Zeitgeistig gewendete Ex-Linke werden dabei aufgrund unterstellter Authentizität bevorzugt auf den Schild gehoben und als ZeugInnen herangezogen, um nunmehr in einem Mix aus Zynismus und Sarkasmus gegen all das vom Leder zu ziehen, wofür sie vor fünf Dekaden meist selbst 150-prozentig, wenn nicht unbedingt mit ihrem Kopf, so doch mit ihrem Kragen gestritten hatten.
Verflixte Dialektik
Persönlich bleiben für mich im Prozess der so genannten »68er-Bewegung« folgende markante – höchst positive wie gänzlich deprimierende – Ereignisse in Erinnerung: Im Sog der vielfältigen Politaktionen der »Außerparlamentarischen Opposition« (APO) in Gestalt des rührigen Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) formierten sich auch linke Schülerinitiativen, gruppiert um das von 1967 bis 1969 in Frankfurt ansässige Aktionszentrum unabhängiger und sozialistischer Schüler (AUSS). Sie trugen maßgeblich zur Schärfung antiautoritären, kritischen Bewusstseins und zur Politisierung des eigenen Umfelds bei. Unis und Schulen wurden zunehmend als Horte botmäßiger Zurichtung von Individuen ausgemacht. Notstandsgesetze wurden für den »Ernstfall« trotz massiver Proteste verabschiedet.
Und dann gab es immer wieder diese wirkmächtigen Bilder des ersten »telegenen« Krieges aus dem fernen Vietnam in der allabendlichen Tagesschau, inklusive der »Bodycounts« von hochrangigen US-amerikanischen Militärstrategen. Mehrheitlich unterstützt wurden sie von christlich-demokratischen PolitikerInnen, in deren geschlossen antikommunistischem Weltbild (ein wesentliches Relikt der Nazi-Ära) der von Washington ausposaunte Feldzug für »Freedom & Democracy« in Südostasien für bare Münze genommen und als gerecht begrüßt wurde.

