Der 8. August 2019 war für meine Ankunft in den Philippinen nach dem Auslandsaufenthalt vorgesehen. Gegen 17 Uhr 20 stürmten drei Polizisten, angeführt von einem gewissen Alvin Saguban, der sich als Leiter der Pagadian City Polizei ausgab, in die Räumlichkeiten der Kathedrale von Pagadian. Sie öffneten die Eingangstür und traten ein, als ob ihnen das Gebäude gehören würde. Saguban fragte, wer der Vorsitzende der Kirche sei und wo dieser zu finden sei. Einer der drei machte Photos von den beiden anwesenden Pfarrern, von den Räumen auf dem Grundstück, der Kirche und der Frontalansicht vom Büro. Sie machten auch ein Photo von meinem Gesicht, das auf einem Plakat, das eine Veranstaltung ankündigte, zu sehen war. Sie zeigten darauf und fragten, ob das der Bischof sei. Als der Diakon fragte, was der Zweck ihres Kommens sei, sagte Saguban: „Sie haben einen Haftbefehl“. Später sagte er, dass das nur ein Witz gewesen sei. Er fragte den Diakon auch, ob der andere Diakon Angst hätte, wenn er einem Polizeioffizier begegnet und was er empfinden würde, wenn er an der Seite von jemandem wäre, der der Neuen Volksarmee angehört. Die Photos, die wir hier zeigen, sind nach Aussage der beiden Diakone Photos, auf denen sie den Polizeioffizier Saguban identifizieren konnten. Die Sicherheitskamera hat Photos vom Polizeiauto aufgenommen. Später erfuhren wir, dass Alvin Saguban in der Tat Polizeichef der Polizei von Pagadian ist.

Warum passiert so etwas?

Wir, die Unabhängige Kirche der Philippinen (IFI), sind eine arme Kirche. Wie unsere Bischöfe sagen: „Wir haben kein Land zu vergeben, keinen Reichtum anzubieten wir haben nur uns selbst als unser Mantra, um den Menschen dienlich zu sein – den kleinsten, den letzten und den verlorenen. Arbeiter und Landwirte, die arme und die indigene Bevölkerung liegt uns am Herzen. Unsere Pfarrer beziehen sich auf sie. Wir versuchen, das Sprachrohr der Sprachlosen zu sein, indem wir ihre Anliegen aufgreifen. Wir waren bei Massenmobilisierungen und Demonstrationen der Unterdrückten dieser Gesellschaft und unseres Volkes zugegen. Die Regierung und das Militär interpretierte unser Verhalten als politische Einmischung, weswegen wir oft Zielscheibe ihrer Propaganda sind und sogar ihrer Revolver, weil wir ihnen unbequem sind, wenn sie die Menschen unterdrücken.

Das Mindanao Lumad Ministerium

Im März 2016 gründete die Bischofskonferenz der Unabhängigen Philippinischen Kirche von Mindanao das Mindanao Lumad Ministerium. Es ist:

  1. Eine konkrete Manifestation der Solidarität der Unabhängigen Philippinischen Kirche mit Lumads und indigenen Bevölkerungsgruppen ohne die Intention, zu missionieren.
  2. Ein konkreter Ausdruck unserer Glaubhaftigkeit beim Verkünden der guten Nachricht der Rettung in diesen schlechten Zeiten.
  3. Eine Begleitung der Lumads in ihrem Überlebenskampf.
  4. Eine Affirmation unseres Glaubens in die Unverletzlichkeit des Lebens und die Würde aller Menschen und daher der Schutz und die Förderung der Menschenwürde in diesem gegenwärtigen Kontext.

Die MLM hat fünf Interventionen:

  1. Eintreten für das Recht der Lumads auf Selbstbestimmung und ihren ursprünglich ihnen gehörenden Grundbesitz: Wir mobilisieren Kirchenmitglieder und nutzen Plattformen, um für die Rechte der Lumads auf Selbstbestimmung und ihren Grundbesitz einzutreten, so dass ihre Belange weithin bekannt werden und Unterstützung erhalten. Diese Intervention schließt die Beteiligung von Gruppen ein wie die „Nationale Kommission Indigener Filipinos“, auf internationaler Ebene die Vereinten Nationen, andere ökumenische und kirchennahe Organisationen, national und international, aber mit gleicher Beteiligung von Bischöfen, Pfarrern und Kirchenmitgliedern der Unabhängigen Philippinischen Kirche rund um die Themen von Selbstbestimmung und Recht auf eigenen Grundbesitz der Lumads.
  2. Bildung: Maximierung aller Möglichkeiten, die Gläubigen darin zu bilden, ihr Verständnis der Geschichte und des Kampfes der Lumads zu vertiefen und sie zu motivieren und empfänglicher für die Notlage der Lumads zu sein. Entsprechendes Material hierfür sollte publiziert werden. Die IFI erkennt die reiche Spiritualität der Lumads, ihre Verbundenheit mit ihrem Land und ihrer Umgebung und ihr ursprüngliches Wissen. IFI-Gemeinden können bereichert und inspiriert werden durch den Dialog mit und der Beteiligung der Lumads und den Austausch mit ihnen.
  3. Politische Einflussnahme: Schlüsselpersonen, staatlich und nichtstaatlich, auf lokaler und nationaler Ebene, sollten engagiert werden, um mehr Programme zu schaffen für die Rechte und Kultur der Lumads. Bischöfe sollten dazu aufgerufen werden, wegen zentralen Themen hin und wieder Besuche bei der Regierung, den Vereinten Nationen und internationalen Vertretungen durchzuführen an der Seite von Partnern der Lumads.
  4. Solidarität und Langzeitbegleitung: Es sollten Möglichkeiten geschaffen werden, dass Kirchengemeinden und deren Mitglieder konsequente und bedeutungsvolle Einsätze für die Lumads durchführen und gemeinsam mit den Lumads sich auf deren Weg begeben für mehr Selbstbestimmung und Rückforderung ihres ursprünglichen Landes. Diese Begleitung soll zu einem Schutz der Lumad-Gebiete führen. Außerdem geht es den Unabhängigen Kirchen der Philippinen um Unterstützung der Mobilisation der Lumads, um Kampagnen und relevante Aktionen.
  5. Unterstützung: Die Möglichkeiten der Lumads, ihre individuellen und gemeinschaftlichen Rechte zu verteidigen, sollten gefördert werden. Lumads, die Opfer von Menschenrechtsverletzungen wurden, sollte beigestanden werden.

Vom 18. bis 21. Juni 2018 haben wir eine Aktion durchgeführt, zusammen mit der Vereinigten Christlichen Kirche der Philippinen, dem Nationalen Konzil der Philippinischen Kirchen und der ländlichen Mission der Philippinen als Antwort auf einen Hilferuf einer Lumad- Gemeinde, Barangay Saad in der Provinz Zamboanga del Sur, was in meinem Wirkungsbereich liegt. Die Menschen sind dort sehr verängstigt wegen der Flächenbombardements des 53. Infanterie-Bataillons der Philippinischen Armee vom 29. bis 30. Mai in Barangay Saad und Umgebung. Die Armee glaubte, damit die Neue Volksarmee (NPA) angreifen zu können. Dorfbewohner, besonders jene eines entlegenen Gebiets, waren gezwungen, ins Zentrum von Barangay evakuiert zu werden., um ihr Leben zu retten. Unsere Hilfe bestand darin, sie mit Lebensmitteln und Bekleidung zu versorgen. Wir organisierten psychosoziale Hilfe und ärztliche Versorgung für Kinder und Erwachsene. Wir führten auch Zusammenkünfte durch, um über die Menschenrechtsverletzungen des Militärs zu sprechen in einem Gebiet, wo das Militär das ganze Dorf abgebrannt hat, um die Menschen zu bedrohen, zu verfolgen und einzuschüchtern, damit sie zugeben, Mitglieder der Neuen Volksarmee zu sein oder diese zu unterstützen.

Während unserer Hilfsaktion beobachteten wir, wie Angehörige des Militärs im Gesundheitszentrum von Barangay lagerten. Sie waren ungefähr 100 Meter entfernt vom Zentrum von Barangay, wo sich eine Grundschule, eine Versammlungshalle und Wohnungen befinden. Angehörige des Militärs haben während einer Versammlung von Evakuierten öffentlich behauptet, dass das Dorf aus Mitgliedern der NPA besteht oder diese unterstützt.

Passend hatten der Ortsvorsteher Jeffrey Senara und andere Ortsvorsteher schon länger Verfolgung, Drohungen und Einschüchterungen durch den Bürgermeister erlebt, weil ihnen eine angebliche Mitgliedschaft in der Neuen Volksarmee vorgeworfen wurde.

Am 17. Februar 2017 überlebten Jeffrey und seine Frau Lorna, die beide auch Mitglied einer Lumad- Organisation sind, einen Anschlag durch Schüsse von einem Motorrad in der Nähe der Polizeiwache und dem Stadtverwaltungsgebäude. Erst spät wurde medizinische Versorgung geleistet. Jeffrey hatte eine Fleischwunde, aber keine schwere Verletzung. Er wird demnächst operiert werden. Lorna überlebte eine Schusswunde an ihrer Taille. Ihre Bauchspeicheldrüse wurde in Mitleidenschaft gezogen und sie leidet seit dem Vorfall unter Störungen beim Wasserlassen. Angehörige von Militär und Polizei wurden angehalten, die beiden zu überwachen, anstatt dass man sich mit dem Vorfall beschäftigte. Die Ermittlungen verlaufen im Schneckentempo und keiner der bekannten Angreifer wurde festgenommen.

Am 23. Juni, zwei Tage nach unserem Hilfseinsatz in Barangay, besuchten mich ein Bataillonskommandeur und ein Militäroffizier in meinem Büro und fragten mich und meine Kollegen, ob wir nicht mit ihnen zusammenarbeiten könnten, uns auf ihre Seite stellen könnten und noch einmal Barangay Saad besuchen könnten, weil sie nicht möchten, dass die Bevölkerung von Barangay von linken Organisationen beeinflusst wird. Die Ortschaft ist laut Aussage des Bataillonskommandeurs ihr bevorzugtes und spezielles Projekt. Vorher habe ich an jenem Tag eine Nachricht von Jeffrey Senara erhalten, dass sie von einem hohen Offizier der Regierungstruppen aufgefordert wurden, zu erklären, warum sie meine Gruppe nach Barangay gelassen hätten, was wir in Barangay zu suchen gehabt hätten und warnten sie davor, mich nicht noch einmal nach Barangay gehen zu lassen oder mir würde etwas Schlimmes passieren.

Gefälschte und erzwungene Kapitulation in Barangay Saad:

Im Juli 2019 begannen wir zu begreifen, was der Bataillonskommandeur gemeint hatte mit, Barangay sei ihr bevorzugtes und spezielles Projekt. Angehörige des Militärs starteten eine Von-Haus-zu-Haus-Kampagne für die Dorfbewohner, damit diese Dokumente unterzeichnen, die ihre Kapitulation bestätigen sollten. Dabei wendeten sie verschiedene Methoden an:

Personen, die nicht lesen konnten, erzählten sie, mit ihren Unterschriften würden sie für in Kürze folgenden Projekten der Regierung unterschreiben.

Personen, die lesen konnten, wurden eingeschüchtert, indem ihnen gesagt wurde, man hätte sie auf einer Liste mit Namen von Angehörigen der neuen Volksarmee gefunden. Wenn sie bereit wären, zu unterschreiben, würden sie aus der Namensliste gelöscht.

Jenen, die über ihre Grundrechte Bescheid wussten, insbesondere Vorsitzenden von Lumad-Organisationen, drohten sie, dass sie verhaftet würden, weil sie als Anführer der Neuen Volksarmee in ihrer Region registriert seien.

Mit solchen Methoden einher gehen verschiedene Aktivitäten, angeführt vom Militär und der kommunalen Regierung gegen regierungskritische Organisationen und Kirchen mit Schwerpunkt darauf, die Dorfbewohner zu warnen, sich diesen Organisationen nicht anzuschließen. Sogar Demonstrationen und Mobilisierungen vieler Menschen werden der Neuen Volksarmee und den Kommunisten zugeordnet. Dies fand seinen Höhepunkt in einem Programm, das als „Zusammenkunft für Frieden und Entwicklung“ betitelt wurde und am 27. August 2019 stattfand. Dort wurden Dorfbewohner als Besiegte bezeichnet. Ortsvorsteher Jeffrey Senara wurde befohlen, die Flaggen der Neuen Volksarmee, der Kommunistischen Partei und der Nationaldemokratischen Front zu verbrennen, wahrscheinlich um zu beweisen, dass sie keine Angehörigen der Neuen Volksarmee seien. In ihren Propaganda-Nachrichten behauptete das Militär, dass 140 Mitglieder und Unterstützer der Neuen Volksarmee in Barangay Saad kapituliert hätten. Aber nach Aussage der Dorfbewohner waren nur ungefähr 50 bei der Zusammenkunft. 50 von 80 Personen, welche die Dokumente unterschrieben hatten.

Weil es nicht wahr ist und weil es die Dorfbewohner gefährdet, baten mich Senara und seine Ratsmitglieder um Hilfe. Als Antwort darauf brachten wir das Anliegen zum nationalen Büro der Kommission für Menschenrechte, welches mehrere Delegationen in die Region schickte und Maßnahmen einleitete. Sie bereiteten schriftliche Beschwerdeformulare vor für mögliche Anklagen gegen das Militär. Daneben wurde auch verschiedenen Menschenrechtsorganisationen, kirchlichen Organisationen und Netzwerken wie das des Mindanao Menschenrechtsgipfels im Juli 2018 in Davao City das Anliegen nahegebracht. Unterstützt werden wir von regionalen und nationalen Medien, weil lokale Medien die Vorfälle oft nicht so berichten, wie sie sind, was damit zusammenhängt, dass sie lokalen Politikern gehören. Einige Male besuchte auch das Internationale Komitee des Roten Kreuzes die Region. All diese Ereignisse erregten den Zorn des Militärs.

Militärische Absonderung in der Region:

Im September 2018 hat das Konzil von Barangay aufgrund des Drucks des Militärs, eine Resolution herausgegeben, das dem Militär erlaubt, einen Stützpunkt in Barangay aufzubauen, der aber weit entfernt von den bewohnten Gebieten liegen muss, um die Bevölkerung vor Schießereien zu schützen und vor möglichen Schäden an ihrem Leben und an ihrem Besitz.

Kopien der genannten Resolution werden an Kirchen, die Kommission der Menschenrechte, das Innenministerium und die lokale Regierung geschickt, an städtische und provinzielle Regierungen usw. . Aber anstatt sich an die Resolution zu halten hat das Militär seinen Stützpunkt mitten im Ort, wo Dorfbewohner leben, platziert. Die einzige Begründung, die das Militär dafür abgab, lautete: Über Mindanao ist das Kriegsrecht verhängt worden.

Außerdem haben sie Ortsvorsteher Senara betrogen, indem sie ihm eine Einverständniserklärung in englischer Sprache zum Unterschreiben vorgelegt haben. Als Senara, der nicht über Englischkenntnisse verfügt, fragte, was auf dem Papier stünde, sagten die Angehörigen des Militärs, er solle nur unterschreiben, dass er Zeuge der Schenkung eines Bauplatzes für das Militär sei. Nur sie wussten, dass es ein Vertrag zwischen den Regierungstruppen, der lokalen Regierung von Dumingag (die Stadt zu der Barangay gehört), vertreten durch den Bürgermeister und der lokalen Regierung von Barangay Saad war, vertreten durch Senara. Sie zeigten mir das Dokument während einer ihrer Besuche in meinem Büro. Ich muss dazu sagen, dass die Lumads in Barangay Saad sich entschieden haben, mich öfters in meinem Büro zu besuchen, weil sie das Gefühl haben, dass es für meine Gruppe und für mich nicht mehr länger sicher ist, ihr Dorf zu besuchen.

Wir können nicht schweigen:

Ja, wir und ich werden bedroht wegen unserer Überzeugung, dass die Liebe zu Gott darin besteht, den Menschen zu dienen, indem wir unsere Nächsten lieben wie uns selbst. Wie Pater Grande, ein Freund von Erzbischof Romero es sagt: „Wie kann ich Gott lieben, den ich nicht sehe, wenn ich nicht meinen Nächsten lieben kann, den ich sehe?“

Während wir den Menschen dienen werden wir unvoreingenommen gegenüber den Opfern, den Unterdrückten und an den Rand geschobenen. Wir fühlen wie sie, sprechen ihre Sprache und werden wie sie. Die Regierungstruppen haben in ihren Medien behauptet, dass sechs von zehn Lumads der Neuen Volksarmee angehören und dass Organisationen wie Promotion of Church People´s Response (kirchliche Organisation) und BAYAN (Zusammenschluss mehrerer Gewerkschaften und linker Organisationen) und ihre Mitgliedsorganisationen legale Fronten der Neuen Volksarmee sind. Alle, auch ich und alle anderen kirchlich organisierten Menschen werden verdächtigt, zur Neuen Volksarmee und ihren legalen Fronten zu gehören. Das ist der Grund, warum sie uns bedrohen, verfolgen und einschüchtern, damit wir unsere Aktivitäten einstellen und ruhig sind. Aber NEIN, wir und ich können nicht schweigen. Ich mag verängstigt sein, aber ich kann meine Aktivitäten für die Menschen nicht aufgeben – für die Armen, an den Rand gedrängten und Unterdrückten.

Der Autor Antonio N. Ablon ist Bischof der Diözese von Pagadian in der Provinz Zamboanga del Sur in West-Mindanao. Er gehört der Unabhängigen Kirche der Philippinen an und ist Präsident der Bischofskonferenz von Mindanao. Außerdem ist er Schirmherr der philippinischen Menschenrechtsorganisation KARAPATAN in West-Mindanao.

Bericht von Bischof Antonio Ablon, West-Mindanao, Philippinen