1. Januar 2019:

Meine liebe Freundin Julia und alle Deutsch-Philippinischen Freunde. Hallo, euch allen! Ich hoffe, ihr habt jeden Tag eine gute Ausdauer und Gesundheit für gute Arbeit! Vor all den vielen anderen Themen möchte ich mich bei dir und allen Deutsch-Philippinischen Freunden bedanken für eure Unterstützung und für den Abdruck meines Briefes mit Bild in eurem Rundbrief. Was gibt es über mein Highschool-Leben zu schreiben?

Ich versuche es, trotz vieler Projekte, Hausaufgaben und finanzieller Probleme. Im Oktober werde ich das zweite Studienjahr abschließen und natürlich bestehe ich alle Fächer.

Jetzt aber bin ich immer noch im ersten Studienjahr. Der Grund ist, wenig Zeit zum Lernen wegen meiner Arbeit. Ich habe sie am 29. Oktober begonnen und sie dauert den ganzen Tag. Von Montag bis Freitag bin ich für drei Stunden in der Schule. Von 8.30 Uhr bis 11.30 Uhr jeden Vormittag. Von sechs bis acht Uhr morgens und von 12 Uhr bis 18 Uhr arbeite ich. Samstags und sonntags arbeite ich den ganzen Tag, von fünf Uhr morgens bis 18 Uhr abends. Hauptsächlich habe ich im Getränkeverkauf vom Gefängniscafé gearbeitet, seit dem 29. Oktober, im November und Dezember bis Weihnachten.

Dann, seit ich am 8. Januar mit dem Unterricht begonnen habe, sind es immer drei Routine-Stunden für´s lernen und zehn Stunden mehr oder weniger zum arbeiten. Mein Einkommen beträgt 2500 PP im Monat (ca.50 Euro), wöchentlich 625 PP. Das ist sehr viel niedriger als das niedrigste Einkommen, aber wir haben keine Wahl, wenn wir überleben wollen. So ist nun mal das Leben im Gefängnis. Meine Arbeit ist sehr sehr wichtig für mein tägliches Überleben. Wie dem auch sei, Ende Februar oder im März ist mein Abschlussexamen. Ich versuche es noch einmal, den zweiten Grad zu schaffen. Wenn ich das Examen schaffe, werde ich im Gefängnis einen Berufstätigenkurs beginnen.

Weihnachten haben mich meine Kinder besucht: Vier Kinder und ein Schwiegersohn. Ich schicke dir ein Photo von meiner Familie, damit du darauf meine Kinder sehen kannst. Ja, das sind meine Kinder, meine Inspiration, mein Grund, weiter zu leben, der Grund, warum ich stark bleibe, warum es mir gesundheitlich besser geht. Ich möchte nämlich später wieder bei meinen Kindern sein, wenn ich nicht mehr in der Lage bin, zu kämpfen.

Am 14. Dezember hatten wir Besuch von Freunden der politischen Gefangen. Wir diskutierten über neue Entwicklungen der politischen Lage und über viele Themen und Probleme unseres Landes. Dann haben wir eine Weihnachtsfeier gemacht: Essen, singen, Vorträge über unser Leben im Gefängnis und über die Bewegung der Massen außerhalb des Gefängnisses. Und natürlich über die andauernde Kampagne zur „Befreiung aller politischen Gefangenen innerhalb und außerhalb der Philippinen“. Das ist eine große Unterstützung für die politischen Gefangenen, insbesondere die moralische Unterstützung. Ich habe zum Kongressleiter gesagt: Machen Sie sich keine Sorgen. Wir und ich bleiben stark. Wir warten auf unsere Freiheit – jede Zeit ist die richtige Zeit. Ich werde auf meine Freiheit warten und meine Arbeit und mein Studium sorgen dafür, dass ich immer beschäftigt bin. So habe ich nie Langeweile, bin nicht einsam und habe keine schlechten Momente. Meine Routine ist die beste im Gefängnisleben, so als arbeitende Studentin, Bildung und regelmäßiges Einkommen.

1.Februar 2019:

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Für mich bedeutet der Valentinstag bzw. die Zeit darum herum die Liebe zu meiner Familie und zu meinem Land. Leider keine Zeit für Liebe hier im Gefängnis.

Ich möchte dir gute Neuigkeiten über meine dritte Prüfung erzählen. In Geschichte habe ich zu 100% bestanden, in Englisch zu 93,69%. Nächste Woche weiß ich mein komplettes Ergebnis.

  1. Februar 2019:

    Ich habe hier noch einige Ergebnisse der Prüfung zum dritten Grad: Geschichte 95% und Mathe 95%. Es ist für mich eine Überraschung, denn im ersten Grad hatte ich in Mathe 82%, dann im zweiten Grad 83% und jetzt im dritten Grad sogar 95%. In Geschichte hatte ich im ersten Grad 92,2%, im zweiten Grad 90,7% und im dritten Grad 95%. Ich warte darauf, dir meine Ergebnisse für die anderen Fächer mitzuteilen. Am Samstag, den 16. Februar bekam ich den Brief vom Gericht. Ich bin überrascht, weil es gute Nachrichten für mich sind. Die Anklagen gegen mich wegen illegalen Waffenbesitzes sind fallengelassen worden, so dass die Strafe von zwölf Jahren auf sieben Jahre und vier Monate herabgesetzt wurde.

    (Es folgt eine für mich etwas schwer nachvollziehbare Rechnung, wie lange sie noch im Gefängnis bleiben muss. Jedenfalls gibt es noch eine Anklage wegen versuchten Mordes, gegen die sie noch angehen will.)

    Letzte Woche Donnerstag besuchte MacMac mich (Freund von ihr? Angehöriger?). Ich sprach mit ihm darüber, wie es mir mit Hilfe meiner Anwältin gelingen könnte, die restlichen Vorwürfe fallen zu lassen. Ich möchte nämlich aus diesem Gefängnis entlassen werden, um nach Hause zu gehen, nicht zurück ins Gefängnis. Ich möchte nach Hause, um mich zu erholen, ich möchte schlafen, zur Ruhe kommen und natürlich sehen, wie es mit meinem Leben und meinen Kindern weitergeht. Aber mach dir keine Sorgen, ich werde mein Leben lang weiter kämpfen. Ich werde meine Verantwortung nicht vergessen, mein Versprechen für die Zukunft der philippinischen Bevölkerung. Für Freiheit, Demokratie und andere gute Ziele für das philippinische Volk als meine große, große Familie.

  1. April: Habe mir heute für eine Veranstaltung der Highschool ein Kleid von Medy geliehen.
    1. Mai, Nachtrag vom 2. Mai 2019: Ich gehöre zu den besten der 80 StudentInnen des Jahres 2019 in meinem Studienjahr in dieser Haftanstalt. Ich hatte das nicht erwartet, weil ich nicht in allen Fächern hervorragend bin. So habe ich in Englisch im zweiten Grad nur 78,65% erreicht. Die anderen Ergebnisse werde ich dir mit der Karte vom „Alternativen Lernsystem“ schicken. Medy hat mir den Rat gegeben, nicht aufzuhören zu schreiben bis zu dem Tag, an dem ich freigelassen werde. Ja, ich verstehe, weil ich sonst keine Unterstützung von der Außenwelt habe. Natürlich ist die beste Unterstützung immer noch mein Einkommen, um mich selbst zu unterstützen.

Am 10.Mai besuchte mich eine Anwältin von mir, um sich nach meiner gesundheitlichen und sonstigen Situation hier im Gefängnis zu erkundigen. Und was meine Anklagepunkte betrifft, fragte sie nicht nur nach den alten, sondern auch nach einem neuen von einem anderen Gericht. Nun, ich bin nicht überrascht, weil ich eine von vielen politischen Gefangenen bin, die sich alle in derselben Situation befinden, mit denselben Anklagen. Immer mehr Anklagepunkte zu finden bevor man freigelassen wird ist eine Taktik, um einen länger im Gefängnis zu halten. So werde ich mich wohl auf einen neuen Gerichtsprozess vorbereiten. Ich bin enttäuscht und meine Kinder sind es auch. Nach mehr als sieben Jahren im Gefängnis ist das Ergebnis, dass ich noch mehrere Jahre warten muss.

9.Juli 2019: Letzte Woche wurde mein letzter Anklagepunkt (Mordversuch) im Gerichtssaal des Gefängnisses besprochen und ich bereite mich darauf vor, mich zu verteidigen. Dann, am 16. Juli warte ich auf das Urteil. Ich warte auf einen weiteren Freispruch. Oh, mein Gott, bitte, hihihi! Hilf mir freizukommen!

Heute ist es genau einen Monat her, dass meine Strafe auf sieben Jahre und vier Monate reduziert worden ist, weil die Anklage wegen Waffenbesitzes fallengelassen wurde. Am 7. Juni war mein letzter Hafttag, aber ich muss im Gefängnis bleiben, um noch das Papier vom Gericht wegen meinem Einspruch zu bekommen.

Am 1. Juli 2019 bin ich von meiner Arbeit entlassen worden, weil es viele interne Probleme innerhalb der Leitung gibt und ich nur eine der Angestellten bin. Ich bin nicht Schuld an dem Problem. Das Problem hat mit der Leitung zu tun, nicht mit mir. Meine Chefin sagte mir, meine . Arbeit sei gut, aber sie vermisst meine Loyalität zu ihr. Der Vorwurf ist falsch. Ich habe mich gewehrt, aber mein Einspruch wurde von der Chefin abgelehnt.

Die beste Entscheidung ist, mit der Arbeit aufzuhören. Meine Situation wird nur immer komplizierter durch die Arbeit. Und ehrlich gesagt bin ich müde, meine Gesundheit war in den letzten acht Monaten zufriedenstellend, weil ich gute Arbeit geleistet habe, aber am Ende war es nicht mehr gut. Aber am wichtigsten ist, dass ich mich ausruhen kann. Ich kann meinen Körper von der harten Arbeit regenerieren.

Diese Woche ändert sich meine tägliche Routine. Ich nehme wieder an einer Frauengruppe für religiöse Studien teil und natürlich schreibe ich sehr viel: Gedichte, geschichtliche Texte und ich lerne Englisch im Selbststudium. Außerdem: Briefe schreiben, für dich, für andere Freunde, Freunde außerhalb des Gefängnisses, außerhalb des Landes und so weiter. Aber ohne Arbeit kein Geld. Lola (Freundin?) besuchte mich am 5. Juli und versprach mir, mir zu helfen. Lola unterstützt mich gut, was meine Bedürfnisse anbetrifft. Sie möchte andere Leute über meine Situation informieren. Eine der Gruppen, die sich für mich interessieren, sind die Deutsch-Philippinischen Freunde. Aber mach dir keine Sorgen, ich kann gut mit meiner Situation umgehen. Ella ist ein starkes Mädchen! Zuletzt, jetzt, morgen und für immer – das verspreche ich dir!

In Bezug auf das letzte Thema der PINTIG möchte ich mich für den Abdruck meines Photos in eurer Zeitschrift bedanken.

Tess und Fe, zwei Mitgefangene und ehemalige Arbeitskolleginnen, versprechen, einen Brief an die Deutsch-Philippinischen Freunde zu schicken mit Portraitphotos von sich. Hihihi, das war ein Witz!

Diese Woche haben Tess und Fe einen Brief an meinen Brief angehängt, um auch Brieffreundinnen der Deutsch-Philippinischen Freunde zu werden.

Tess und Fe setzen ihre Arbeit fort und verdienen weiterhin Geld, bis jetzt und bis sie freigelassen werden, falls sie keine Probleme bekommen. Ich hoffe, sie haben gute Arbeitsbedingungen, weil Arbeit und Verdienst gute Dinge sind, um im Gefängnis zu überleben. Nötig zum Leben.

Ich werde ein Gedicht von mir auswählen und es dir und den Deutsch-Philippinischen Freunden schicken – in Tagalog. Ich habe eine Bitte an dich: Kannst du mein Gedicht in eurem Rundbrief abdrucken? Auf Tagalog, auf Englisch und in deiner Sprache? In Absprache mit den anderen Leuten, die an der Erstellung des Rundbriefs beteiligt sind?

Ich bitte dich aus folgendem Grund dazu. Der Grund besteht darin, dass philippinische Leser wie ich und meine Mitgefangenen sehr geringe Deutschkenntnisse haben. Mein Vorschlag besteht darin, dass du es in Tagalog, Englisch und Deutsch abdruckst, aber ich verstehe es, wenn meine Bitte nicht angenommen wird. Ich schreibe mein Gedicht in Tagalog und Lola übersetzt es in Englisch.

Viele Grüße an alle Deutsch-Philippinischen Freunde und danke für alles.

Deine Schwester Ella

Tagebuch von Ella-Miguela Peniero Rejano